Kosmetikbranche im Spannungsfeld von Absatzflaute, EU-Recht und Innovationsdruck
Niemand will alt aussehen - dieses Grundbedürfnis befriedigt die Kosmetikbranche mit einer Vielzahl an Körperpflegeprodukten und dekorativer Kosmetik. Nun gerät die Branche jedoch selbst in Gefahr, alt auszusehen: Der Markt ist hart umkämpft, die Umsätze stagnieren und schärfere Sicherheitsbestimmungen aus Brüssel drohen, vielversprechende Produktinnovationen auszubremsen. Sicher ist, dass "kosmetische" Mittel allein nicht ausreichen, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Wie sich Unternehmen innerhalb der sich verändernden Rahmenbedingungen strategisch positionieren können, war eine übergreifende Frage auf dem
2. Kosmetika-Symposium der Akademie Fresenius. Vom 16. bis 17. September 2009 diskutierten 21 Referenten vor fachkundigem Publikum Trends und Marktentwicklungen sowie Konsequenzen, die sich durch die neue europäische Kosmetik-Verordnung ergeben. Außerdem standen die Themen Qualität, Sicherheit und Wirknachweise auf der Agenda.
Der Gesamtmarkt für Körperpflege und Kosmetik entwickelt sich negativ: Knapp ein Prozent hat der Umsatz im ersten Halbjahr 2009 im Vergleich zum Vorjahreswert abgenommen. Eine Ausnahme bietet die dekorative Kosmetik, deren Umsatz um mehr als drei Prozent stieg. Das berichtete Silke Haske (IRI Information Resources) auf der Fresenius-Konferenz. Die Drogeriemärkte beherrschen den Körperpflege- und Kosmetikmarkt: Sie setzen jeden zweiten Euro um. Außerdem konnten die Drogeriemärkte als einzige Einkaufsstätte im Vergleich zum Vorjahr zulegen (plus 1,7 Prozent), während insbesondere die Discounter Federn lassen mussten (minus 8 Prozent). Da die Sonne sich in diesem Sommer erst spät blicken ließ, blieben nicht nur viele Sun-Care-Produkte im Regal: "Das Wetter verhagelte auch die Bilanz von Deodorants und Duschbädern", sagte Haske.
Vier Trends bewegen den Kosmetikmarkt
In ihrem Vortrag sprach Haske vier bedeutsame Trends in der Kosmetikbranche an. "Expertise übertragen" lautet der erste: Damit ist gemeint, dass traditionelle Apotheken-Produkte wie "Dr. Brands", Urea- und Q10-Produkte den Massenmarkt erreichen. Aber auch Nischenprodukte aus dem Bereich Naturkosmetika erobern ebenso wie professionelle Friseurprodukte ein breiteres Publikum. Als zweiter Trend ist zu beobachten, dass sich das Produktangebot verstärkt auf unterschiedliche Zielgruppen konzentriert: Haske präsentierte mehrere Beispiele, angefangen vom Figuren-Marketing (kindgerechtes Produktdesign) über den Ausbau von Männer-Ranges bis hin zu neuen Well-being und Anti-Age-Produkten. Trend Nummer drei: Hochpreisige Gesichtscremes und andere Premiumprodukte werden vermehrt im Massenmarkt lanciert. Haarspray und Seife mit "Cashmere"-Label, minutenschnelle Haarcolorationen und Deos, die den Haarwuchs hemmen - solche Produkte stehen für den vierten Trend: "Sie verführen mit Glamour und Zusatznutzen die Verbraucher zum Kauf", erläuterte Haske.
Die neue EG-Kosmetik-Verordnung: Was kommt auf die Unternehmen zu?
Die neue EG-Kosmetik-Verordnung wird die bestehende EG-Kosmetik-Richtlinie (76/768/EWG) ersetzen und inhaltlich überarbeiten. Eine EG-Verordnung tritt sofort in allen Mitgliedstaaten in Kraft, bestehende nationale Regelungen werden ersetzt. Das Europäische Parlament hat am 24. März 2009 die Verordnung verabschiedet, den Europäischen Rat hat sie jedoch noch nicht passiert. Übergeordnetes Ziel ist es, die Sicherheit von Kosmetika zu erhöhen. "Allerdings sind Übergangsfristen von bis zu 42 Monaten nach Inkrafttreten vorgesehen", sagte Birgit Huber (Industrieverband Körperflege- und Waschmittel, IKW) auf der Fresenius-Konferenz. Die bestehenden Inhalte der Richtlinie werden beibehalten, einige neue bzw. verschärfte Regelungen in den Bereichen Zulassung, Notifizierung, Zusammenarbeit der Behörden und Sicherheitsbewertung kommen hinzu. Laut Huber stellt bereits die Richtlinie hohe Ansprüche an die Herstellung und Sicherheit kosmetischer Mittel: "Wer schon bisher Sorgfalt bei der Herstellung und Sicherheit walten ließ, wird auch in Zukunft keine Probleme haben", ist sich Huber sicher.
Nanopartikel in Kosmetika: Innovationsschub mit angezogener Handbremse
Nanopartikel kommen in vielen Bereichen zum Einsatz: Was im Hightech-Sektor Bewunderung auslöst, ruft in verbrauchernahen Anwendungsgebieten oft Skepsis hervor - so auch bei Kosmetik- und Körperpflegemitteln. Die Risikodiskussion in Bezug auf die Nanotechnologie konzentriert sich in erster Linie auf die extrem kleine Größe der Nanopartikel und der damit einhergehenden Gefahr, dass diese Teilchen auch dort hinkommen könnten, wo sie nicht erwünscht sind. "Allein von der Partikelgröße kann aber nicht ohne weiteres auf die Toxizität geschlossen werden. Letztendlich gibt es gegenwärtig keine verlässlichen Hinweise auf gesundheitliche Risiken bei der Verwendung von Nanopartikeln", betonte Dr. Andreas Reinhart (Sozietät meyer//meisterernst) auf dem Fresenius-Symposium. Der auf die Kosmetikbranche spezialisierte Rechtsanwalt sieht zugleich die Notwendigkeit, über etwaige Risiken weiter zu forschen. Nach derzeitiger Wissensgrundlage und geltender Rechtslage sei die Verwendung von Nanomaterialien in kosmetischen Mitteln zwar nicht zu beanstanden. Dem Hersteller obliege aber die Verantwortlichkeit dafür, dass die von ihm hergestellten Produkte nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik sicher sind, was insbesondere den Einsatz von neuen, innovativen Stoffen betrifft. Die neue EG-Verordnung sieht ausdrücklich vor, dass Nanomaterialien in Kosmetika nur dann gestattet sind, wenn die Verwendung dieser Partikel "quasi zugelassen" wurde, so Reinhart. Produktinnovationen droht damit Gegenwind, denn auch bei nur unzureichender Datenlage kann Nanomaterial allgemein verboten oder nur eingeschränkt zugelassen werden. Reinhart: "Es bleibt zu hoffen, dass die Wissensgrundlage zeitnah und deutlich verbessert wird. Nur so sind voreilige, auf Mutmaßungen beruhende Maßnahme zu vermeiden."
Die Tagungsunterlagen mit den Skripten aller Vorträge der Fresenius Konferenz können zum Preis von 295,- EUR zzgl. MwSt. bezogen werden. Bei Interesse klicken Sie bitte hier.
Quelle: Pressemeldung Die Akademie Fresenius GmbH
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